Niemand, aber auch wirklich niemand, hält sich hier an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Also stelle ich den Tempomat auch immer auf die Geschwindigkeitsbegrenzung plus 5-7 Meilen. Hinter mir ein Auto ziemlich nah dran, also gebe ich noch zwei Meilen dazu. Da schleicht 500 m vor mir ein Sattelschlepper aus einer Nebenstraße auf die Fahrbahn. Ich checke den Gegenverkehr, trete das Gas durch und brause mit 85 Meile/h vorbei, zugelassene Geschwindigkeit hier 55. Mit Meinem Spurt gefährde ich den Gegenverkehr nicht, allerdings hätte ich auch nicht sehr viel langsamer sein dürfen.
Im Rückspiegel sehe ich, als der Gegenverkehr durch ist, meinen Hintermann ebenfalls den LKW überholen und mit einer Affengeschwindigkeit mich einholend. Denke, der ist ja voll verrückt. Kurze Zeit später klebt er an meiner Stoßstange – und erst jetzt sehe ich – Polizei. Auf Big Island fahren die nur Zivilfahrzeuge, allerdings mit Blaulicht auf dem Dach und an der Stoßstange. Ich warte auf die Sirene. Praktischerweise liegen meine Papiere, und zwar alle, Ausweis, Führerschein, Pass, 50 km südlich im Haus. Das kann lustig werden. Immerhin bin ich weiß und werde so vermutlich nicht direkt erschossen.
Die Polizei bleibt hinter mir, ich fahre jetzt immer nach vorgeschriebener Geschwindigkeit. 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten, der Schweißfilm auf meiner Stirn wird nicht dünner. Im nächsten Städtchen sind sie auf einmal weg. Nehme mir vor, wenigstens immer die Papiere mitzunehmen.
Nicht ganz wolkenlos, aber heiter zeigt sich das wahrscheinlich schönste Tal der Welt. Die wahrscheinlich steilste Straße der Welt hinunter muss diesmal der Jeep leisten. Zur Steilheit kommen Schlaglöcher hinzu, in denen ein Kleinwagen versinken würde, aber gut durchgeschüttelt doch in ganzen Stücken komme ich am Strand an.
Der Pazifik, glasklar und warm wie immer.
Auf dem Rückweg schaut mich vor der Steigung bittend ein Paar an und macht ganz vorsichtig den Daumen raus. Ich nehme sie mit. Nach ein paar Sätzen auf Englisch schaut der Typ auf mein Arminia-T-Shirt und meint, dann könnten wir ja auch auf Deutsch weiterreden. Wirklich nette Leute aus Ulm, die noch netter wirken, weil sie mir mein Rentenalter nicht glauben wollen.
Auf der Strecke laden wir noch zwei erschöpfte amerikanische Mädels zu, die dann unbedingt wenigstens einen Satz auf Deutsch lernen wollen, damit sie ihre Hotelnachbarn damit überraschen können. So quatschen wir alle noch lange zusammen, bevor ich mich auf die Heimfahrt mache.



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